Zu sensibel? Was Hochsensitivität mit Essstörung zu tun hat

Inhaltsverzeichnis

Wenn Sensibilität zur Last wird

Viele Menschen die in der Bulimie oder anderen Essstörungen gefangen sind, erzählen von ähnlichen Erfahrungen wie zum Beispiel: Ich fühle zu viel. Mir ist vieles zu laut. Ich reagiere oft zu intensiv. Ich bin zu sensibel. uvm.

Sensitivität ist keine Schwäche. Sie ist ein tief verankertes Merkmal in deinem Nervensystem und hat Auswirkungen darauf, wie du mit Stress, Druck, Beziehung, Nähe, inneren Spannungen etc umgehst.

Wenn du intensiver fühlst und mehr wahrnimmst als andere, kann dein Nervensystem dadurch viel schneller überfordert sein. Das Essverhalten kann dann zu einem Ventil und einer Form der Selbstregulation werden, wenn keine andere Entlastung verfügbar ist und gelernt wurde.

 

Hochsensitivität: Ein Nervensystem, das mehr wahrnimmt

Hochsensitive Menschen nehmen viele feine, oft unsichtbare und nicht hörbare Nuancen wahr. Zum Beispiel bei Geräuschen, Stimmungen, zwischenmenschlichen Dynamiken oder bei emotionalen Empfindungen.
Ihr Nervensystem verarbeitet äussere und innere Reize meist auf einer tieferen Ebene und über einen längeren Zeitraum. Dadurch werden die Betroffenen schneller erschöpft, sind emotional aufgeladen oder fühlen sich total überflutet von all den Reizen.
Diese tiefe Wahrnehmung ist eine besondere Fähigkeit und eine wertvolle Gabe. Doch in einem lauten, intensiven und oft viel zu schnellen Umfeld kann diese Gabe zu einer ständigen Belastung werden. Die Betroffenen dürfen lernen, ihre Fähigkeit anzuerkennen. Sie dürfen lernen, mit dieser Gabe beitragend umzugehen und sie für sich und zu ihrem Wohl zu nutzen.

 

Warum hochsensitive Menschen anfälliger für Essstörungen sind

Essstörungen entstehen nie durch Hochsensitivität allein, doch sie kann ein Risikofaktor und ein Mit-Auslöser sein. Besonders dann, wenn die meisten der folgenden Bedingungen zusammentreffen:

  • du wurdest kritisiert oder als „zu empfindlich“ abgewertet
  • deine intensiven Gefühle wurden «abgestellt»
  • du hast früh gelernt, dich anzupassen und Erwartungen anderer zu erfüllen
  • du hast nie gelernt, mit Belastungen umzugehen
  • unter Druck funktioniert gar nichts mehr

Hochsensitive Menschen nehmen Spannungen und Druck oft schneller und intensiver wahr. Wenn sie keinen sicheren Rahmen bekommen zur Regulation, suchen sie andere Wege,  um diese zu entladen wie zum Beispiel durch Essen, Erbrechen, Rückzug, Hungern, exzessiven Sport, Kontrolle, perfekte Leistung, Wut, Trauer etc.

 

Die innere Überforderung: Wenn Intensität keinen Ausdruck findet

Wenn Gefühle, Reize, Druck oder Erwartungen zu intensiv und zu viel werden, entsteht im Körper ein Zustand ständiger Überforderung.
Folgende Themen können sich bei Überforderung zum Beispiel zeigen:

  • innere Unruhe
  • Druck
  • Erstarrung
  • eigener Missbrauch
  • Selbstabwertung
  • der Wunsch, „endlich Ruhe im Körper“ zu haben

Essanfälle, Hungern etc können dann ein Versuch sein, die zu intensiven Emotionen zu betäuben, sie abzuwürgen oder Spannung zu entladen. Das Erbrechen kann kurzfristige Erleichterung schaffen. Es reguliert jedoch nicht, es beruhigt lediglich für einen kurzen Moment das überlastete Nervensystem.

 

Scham, Anpassung und innere Spannung

Hochsensitive Menschen erleben häufig sehr früh in der Kindheit, dass sie „zu viel“, «zu laut», «zu lebendig» etc sind. Sie lernen dann sehr schnell, sich anzupassen damit sie nicht mehr bewertet oder falsch gemacht werden. Sie passen ihr Verhalten an, werden brav, ruhig, leistungsfähig und kaum belastend für andere. Sie werden im Aussen unauffällig, doch diese unnatürliche Anpassung erzeugt eine enorme innere Spannung. Diese Spannung wird oft über den Körper reguliert, wenn sich kein anderer Weg dafür findet.
Gleichzeitig schämen sich viele für ihre Hochsensitivität, für ihre Feinfühligkeit und später für ihr Essverhalten, mit welchem sie ihre Sensibilität unterdrücken versuchen.
Diese Scham verstärkt wiederum die Isolation und damit den inneren Druck. Ein extrem belastender Teufelskreis, der mit den richtigen Werkzeugen durchbrochen werden kann.

 

Fünf Wege der Besserung

  1. Echte Regulation statt Kontrolle
    Anstatt dich gegen dich zu disziplinieren, wähle viel öfters eine Verbindung zu dir und deinem Körper wie zum Beispiel sanfte Bewegungen, bewusstes Atmen oder eine achtsame Berührung. Sie helfen dir, dich liebevoll mit dir zu verbinden und dich anzunehmen so wie du bist.
  2. Reize reduzieren oder meiden, bevor sie zu viel werden
    Erlaube dir bewusste Pausen und Rückzug. Spaziergänge in der  Natur und Orte der Stille sind ideal dafür. Ganz egal ob das zu Hause, im Garten oder zB in einer Kirche oder einer Bibliothek mitten in der lauten Stadt ist.
  3. Gefühle ausdrücken, anstatt sie zu verstecken
    Sprich aus und kommuniziere mit dir selbst oder mit deinem Gegenüber, was du fühlst, wie es dir geht und was du wahrnimmst. Wenn du sie ausdrückst, müssen sie sich nicht in einem destruktiven Verhalten gegen dich zeigen.
  4. Beziehungen wählen, die dir gut tun
    Du brauchst achtsame und anerkennende Resonanz. Du brauchst nicht viele Menschen um dich herum, sondern diejenigen, die dich sehen, die dir zuhören, die dir gut tun und dich verstehen. Damit kommst du zur Ruhe und fühlst dich anerkannt und sicher.
  5. Mitgefühl anstatt Selbstkritik
    Sage dir beim nächsten Anfall: „Es ergibt Sinn, dass ich so reagiere.. Ich habe gar keinen anderen Plan dafür.“
    Dieser Satz unterbricht sofort die Scham und Selbstkritik und öffnet dir einen neuen Raum für Selbstmitgefühl und Heilung. Schenke dir und deinem Körper liebevolle Selbstfürsorge und Achtsamkeit.

 

Integration: Deine Sensibilität als Ressource

Hochsensitivität ist nicht der Grund oder der Auslöser deiner Essstörung. Doch sie erklärt, warum dein inneres System bereits schon ganz früh in der Kindheit viel schneller und viel zu oft überreizt und überlastet war.
Was früher als eine Schwäche erschien, kann heute zu einer grossartigen und absolut wertvollen Ressource für dich werden.

Du nimmst tiefer wahr, du erkennst die feinsten, ja oft unsichtbaren Nuancen, du reagierst sanft und feinfühlig auf Beziehungen und du hast Zugang zu einer unglaublich schönen, emotionalen Tiefe.
Wenn du lernst all diese Fähigkeiten für dich zu nutzen, wenn du erkennst und verstehst, dass deine Hochsensitivität eine wundervolle Stärke ist, die du liebevoll annehmen darfst und du sie nicht mehr bekämpfen musst, dann bist du richtig frei.

 

Fazit: Heilung beginnt, wenn du dich selbst verstehst 

Bulimie oder andere Essstörungen sind oft komplizierte Versuche des Körpers, Spannung und Druck zu bewältigen, wenn sie zu viel, zu gross und zu schwer geworden sind.
Dein Weg der Heilung beginnt genau dort, wo du aufhörst, dich für das was du bist zu verurteilen und stattdessen langsam anfängst, dich anzunehmen genauso wundervoll wie du bist. Anerkenne deine Fähigkeiten und begegne dir von Tag zu Tag mit etwas mehr Achtsamkeit, Liebe und Selbstfürsorge.

Wenn du noch gefangen bis in der Bulimie und wissen möchtest, wie das alles möglich ist, dann buche dir jetzt dein einmalig kostenloses Freiheitsgespräch. Gemeinsam schauen wir hin, wo du stehst, was dich entlastet und welche Schritte dich heute stärken können um deinen Weg in die Freiheit zu gehen.

Mit ganz viel Verständnis, grosser Achtung und Wertschätzung für deine Hochsensitivität und von Herzen alles Liebe,
Andrea ❤️

Hinweis: Die in diesem Artikel bereitgestellten Inhalte beruhen auf persönlichen Erfahrungswerten von meinen Klientinnen und mir und erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder abschließende Vollständigkeit. Alle Aussagen und Informationen sollen der Prävention und Aufklärung dienen und NICHT zum Nachahmen oder als Start in die Essstörung verstanden werden!

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