Warum Feiern so herausfordernd sind
Feiern stehen für Freude, Verbundenheit, Nähe und Austausch. Für Menschen mit Bulimie oder einer anderen Essstörung bedeuten sie aber oft innere Alarmbereitschaft auf Stufe rot.
Es riecht nach Essen. Es wird gelacht, geredet, bewertet. Über Teller, Portionen, Figuren. Vielleicht sagt jemand: „Nimm doch noch was!“ oder „Oh, du isst heute aber wenig.“
Solche Sätze klingen harmlos, sie wirken jedoch für ein System, das über Jahre gelernt hat, Essen mit Kontrolle und Bewertung zu verknüpfen, wie kleine Messerstiche oder Seitenhiebe.
In diesen Momenten aktiviert sich ganz automatisch der Sympathikus, der Teil des Nervensystems, der auf Leistung und Flucht programmiert ist.
Der Herzschlag, die Atmung und die Muskelspannung steigen. Die Verdauung, die Verbindung mit sich selbst und die intuitive Wahrnehmung ziehen sich zurück und werden leiser.
Du funktionierst und bist anwesend, aber du bist nicht wirklich da.
Viele Betroffene beschreiben es so, dass sie an Feiern zwar körperlich anwesend sind, innerlich aber kämpfen zwischen dem Wunsch, dazuzugehören und der Angst, aufzufallen, komisch oder anders zu sein und nicht dazuzugehören.
Die Bulimie verstärkt diese innere Spannung massiv. Sie sagt: „Pass dich an. Kontrolliere dich. Sei unauffällig. Achte darauf, was die anderen sehen oder hören wollen und liefere perfekt ab.“
Genau dieser innere Druck sich anzupassen führt dazu, dass Betroffene total überfordert sind und der innere Druck übers Essen abgebaut wird.
Bei Firmenessen kommt eine weitere Ebene hinzu. Da sind oft die Hierarchien, gegenseitige Beobachtungen, interne Vergleiche oder unausgesprochene Erwartungen fühlbar.
„Was denken wohl die anderen über mich?“ wird zu einer leisen Dauerschleife im Kopf von Betroffenen.
In beruflichen Kontexten spielt Essen oft auch eine soziale Rolle und kann als Zeichen von Gemeinschaft, Stärke oder Souveränität gesehen werden.
Wer von der Norm, der Leistung oder den Erwartungen abweicht, fällt auf.
Doch Sicherheit und persönliches Wohlgefühl entsteht nicht durch Mitmachen, sondern als erstes durch Selbstfürsorge und Achtsamkeit sich selbst gegenüber.
Typische Gedanken, Gefühle und Verhalten
Solche Situationen an Festen und feiern können schnell alte innere eingebrannte Programme und Denkmuster aktivieren.
Typische Gedanken sind zum Beispiel:
- „Alle sehen, was ich esse.“
- „Wenn ich anfange zu essen, verliere ich die Kontrolle.“
- „Wenn ich nichts esse, fragen sie wieder warum.“
- „Ich muss das später kompensieren.“
- «Wie schaffe ich es hier raus zu kommen?»
- «Welche Ausrede kann ich heute nutzen um nichts essen zu müssen?»
Alle diese Gedanken sind nicht rational. Sie sind Überlebensstrategien, die einst Sinn hatten und uns jahrelang das Leben gerettet haben.
Sie sollten uns schützen vor Kritik, vor Blossstellung und vor der eigenen Scham.
Typische Gefühle dabei sind zum Beispiel:
- Enge im Bauch und Druck im Brustkorb.
- Das Gefühl, von allen beobachtet zu werden.
- Schuldgefühle schon nur beim Gedanken an Genuss.
- Angst, durch „zu viel“ oder „zu wenig“ Essen aufzufallen.
Typische Verhaltensmuster sind zum Beispiel:
- Zu schnell essen, um „durchzukommen“.
- Zu wenig essen, um Kontrolle zu behalten.
- Innerlich schon Ausgleichsstrategien planen (Sport, Hungern, Erbrechen).
- Lächeln, Smalltalk, scheinbar anwesend sein während innerlich ein Kampf extremer stattfindet
Wenn du dir eingestehst, dass du dich darin wieder erkennst, ist das bereits ein erster wichtiger Schritt der Heilung.
Denn Bewusstsein ist der Anfang um neue Möglichkeiten in dein Leben einzuladen.
Firmenessen – Unsichtbare Regeln, sichtbarer Druck
Firmenessen sind oft ein ziemlich komplexes soziales Spielfeld.
Sie sind weniger privat, oft formeller und gehen meist mit vielen unausgesprochenen Erwartungen einher.
Beruflicher Kontext:
Du willst souverän wirken, dazugehören und auf jeden Fall super professionell bleiben.
Gleichzeitig kämpfst du mit im Innen mit Druck gegen dich.
Unsichtbare Regeln:
„Alle bestellen etwas.“
„Ein Glas Wein gehört dazu.“
„Dessert für alle, das gehört sich so.“
Diese ungeschriebenen Regeln erzeugen sozialen Druck, selbst wenn niemand etwas sagt.
Das nennt sich soziale Konditionierung, der Wunsch, dazu zu gehören, wird stärker als das eigene Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit.
Smalltalk bei Alarm:
Während dein Körper im Innen massiv angespannt ist, versuchst du im Aussen angeregte Gespräche zu führen, perfekt und interessiert zu erscheinen und an der Feier teilzunehmen.
Doch dein kontrollierendes Gehirn teilt deine Aufmerksamkeit auf. Ein Teil hört zu, der andere überwacht ganz genau deinen Teller.
Diese doppelte Aufmerksamkeit kostet viel Energie und verstärkt damit wiederum den inneren, unsichtbaren Stress.
Ein typisches Beispiel:
Die Vorgesetzte sagt lächelnd: „Nehmen Sie doch auch ein Dessert, alle sind dabei!“
Im Aussen und im normalen Leben klingt das völlig harmlos, im Inneren von betroffenen in einer Essstörung entsteht dadurch ein massiver Druck:
„Was, wenn ich Nein sage? Was, wenn sie dann denken, ich bin komisch?“
Hier hilft ein Satz, der dir dabei hilft kurz, klar und freundlich bei dir zu bleiben.
„Nein, Danke, so passt es für mich.“
Du erklärst nichts. Du entschuldigst dich nicht.
Du bleibst mit dir achtsam verbunden.
Gesellschaftliche Erwartungen als Nährboden
Unsere Gesellschaft bewertet permanent.
Den Körper, das Aussehen, die Figur, das Essen, das Nicht-Essen, das Gewicht und vieles mehr wird kontrolliert und kommentiert, oft ganz unbewusst.
In Filmen, Werbungen oder auf den Social Media Kanälen wird Essen mit scheinbar moralischen Werten aufgeladen:
„Gesund“ ist gut. „Viel“ ist schlecht. „Diszipliniert“ ist lobenswert.
Gleichzeitig gilt Genuss als Zeichen für Lebensfreude.
Diese Doppelmoral erzeugt sehr viele Widersprüche und lässt besonders feinfühlige Menschen unsicher werden.
Frauen sollen „kontrolliert“ essen, aber nicht zu wenig.
„Schlank“ sein, aber bitte natürlich.
„Mitmachen“, aber nicht auffallen.
Für Menschen, die in einer Essstörung gefangen sind ist all das ein tägliches Minenfeld.
Jeder Satz, jeder Blick, jede kleine Bemerkung, jeder Vergleich und jeder noch so gut gemeinte Ratschlag kann unmittelbar alte Wunden aktivieren.
Das erklärt, warum oft scheinbar ganz banale Situationen für Betroffene plötzlich so extrem belastend wirken.
Du darfst immer und jederzeit entscheiden, ob und wie du an der nächsten Feier teilnimmst.
Du darfst dich zurück ziehen oder zu Hause bleiben.
Du darfst Pausen machen, dir erlauben an die frische Luft zu gehen.
Du darfst „Nein“ sagen, ohne dich rechtfertigen zu müssen.
5 sichere Strategien – Vorbereitung bis Nachsorge
Sicherheit entsteht nicht spontan. Sie entsteht durch Vorbereitung, Struktur und kleine Rituale, die dein Nervensystem beruhigen.
Vorbereitung – dein sicherer Rahmen
Plane den Abend so, dass du dich innerlich orientieren und sanft vorbereiten kannst.
Wähle einen Sitzplatz, der ruhig wirkt und wo du dich wohl fühlst z. B. am hinten oder irgendwo am Rand anstatt mittendrin im Trubel. Achte darauf, wohin du dich zurückziehen kannst, wenns dir zu laut und zu viel wird.
Realistische Erwartungen – du musst nichts beweisen
Erfolg bedeutet nicht, dass du alles „perfekt“ meisterst.
Ein Ziel reicht, wie zum Beispiel am Tisch zu bleiben. Nimm dir bewusste, kurze Atempausen.
Erlaube dir ein sicheres, klares „Nein“, wenns zu viel wird.
Grenzen respektieren. Freundlich, aber klar
Setze deine Grenzen mit ruhiger, klarer Stimme.
„Danke, so passt es für mich.“
„Ich bleibe beim Wasser.“
„Ich setze kurz aus.“ «Das Dessert passt einfach nicht mehr rein. Ich bin dankbar und satt.»
Das ist Selbstfürsorge und Achtsamkeit dir selbst gegenüber.
Atempausen – der einfachste Weg zur dir selbst
Schliesse kurz deine Augen und atme dreimal tief ein- und aus. Das verbindet dich sofort mit dir selbst und nach Innen. Damit kannst damit wieder mehr wahrnehmen und erkennen, was dir gut tut, was du brauchst und was nicht.
Nachsorge – dein sanfter Abschluss
Nach der Feier langsam zu Hause ankommen.
Plane einen bewussten Übergang von den oft lauten Anlässen mit vielen Menschen, Erwartungen und Energien. Mach zum Beispieleinen kurzen Spaziergang, nimm eine warme Dusche und höre deine Lieblingsmusik.
Mach zu Hause eine kleine Reflexion des Abends:
Was hat mir geholfen? Was möchte ich beim nächsten Mal anders machen? Was hat mir gefallen? Welche Momente waren richtig toll? Bei welchen Menschen habe ich mich wohl gefühlt?
Notfall-Plan bei Akutstress
Manchmal passiert es trotzdem! Der Druck wird so gross und du explodierst.
Ausgelöst durch einen unscheinbaren Geruch, einen unbeabsichtigten Blick oder einen lapidar daher gesagten Kommentar und der Körper befindet sich unmittelbar im Überlebensmodus.
Dann gilt es für dich, dass du nicht kämpfst, sondern in kleinen Schritten weitergehst.
Schritt 1: Mach einen Schritt und trete aus der Situation heraus. Diese kleine Bewegung aktiviert bereits dein Sicherheitsgefühl und verändert die Sichtweise.
Schritt 2: Nimm dir zeit für fünf ganz bewusste Atemzyklen. Atme dabei doppelt so lange aus wie ein und fokussiere dich auf das zählen und den Fluss deines Atems.
Schritt 3: Ganz simpel: Trinke einen Schluck Wasser, nimm wahr wie das Wasser deine Kehle runter fliest und lass deinen Blick dabei in die Ferne schweifen.
Diese einfachen Schritte helfen dir dabei, dich sofort wieder neu auszurichten, im Hier und Jetzt zu bleiben und die Realität nicht mit vergangenen Themen oder alten, belastenden, ähnlichen Situationen zu vermischen.
Fazit
Feiern und Firmenessen müssen dir keine Angst mehr machen.
Sie können Schritt für Schritt wieder zu Momenten echter Nähe, Freude und sogar zu genussvollen Momenten werden. Ohne Druck, Kontrolle oder Überforderung.
Wenn du lernst, dein Nervensystem zu verstehen und zu deinem Wohl zu regulieren, deine eigenen Grenzen zu wahren und dich mit Achtsamkeit und Selbstfürsorge durch den Abend zu begleiten, entsteht ein völlig neues Gefühl von Freiheit und Genuss.
Jeder sanfte Schritt auf deinem Weg in die Freiheit zählt. Jede liebevolle Vorbereitung macht dich stabiler. Jede bewusste Entscheidung für dich ist ein Stück Heilung auf deinem persönlichen Weg aus der Essstörung heraus.
Wenn du dir wünschst, soziale Anlässe wieder mit Leichtigkeit zu erleben, begleite ich dich von Herzen gern ein Stück auf diesem Weg.
Buche dir einfach dein einmalig kostenloses Freiheitsgespräch und wir erstellen gemeinsam deinen persönlichen Plan in die Freiheit. Du bist nicht allein und der Weg ist möglich. Auch für dich.
Von Herzen alles Liebe, Andrea ❤️


