Warum die Kontrolle übers Essen dich immer mehr von deinem Körper entfernt
Weshalb viele Menschen ihr Essverhalten verändern wollen
Der Wunsch, das eigene Essverhalten zu verändern entsteht in den allermeisten Fällen nicht aus einem Gefühl von innerer Klarheit oder Selbstvertrauen, sondern oft aus einem tiefen inneren Druck, der sich über Monate oder gar Jahre aufgebaut hat und irgendwann kaum noch auszuhalten ist.
Viele Menschen beginnen ihren Tag mit dem festen Vorsatz, es diesmal „richtig“ zu machen, disziplinierter zu essen, weniger zu fühlen und übers Essen noch etwas mehr Kontrolle zu haben. Nicht, weil sie ihrem Körper etwas Gutes tun wollen, sondern weil sie hoffen, darüber endlich zur Ruhe zu kommen und nicht ehr so viel fühlen zu müssen.
Hinter diesem Wunsch nach Ruhe im Innen versteckt sich oft eine tiefe Erschöpfung. Erschöpft durch das ständige erfüllen der Erwartungen im Aussen, durch das Kreisen der Gedanken rund ums Essen, Gewicht, Körper und Kontrolle und begleitet von einer tiefen Sehnsucht nach einem Zustand, in dem endlich alles ruhig ist. Im Kopf, im Aussen und vor allem auch im Innen.
Dieses Essverhalten wird dann zum sichtbaren äusseren Ausdruck eines viel tieferen inneren Bedürfnisses nach Sicherheit, nach Halt, nach Frieden und Ruhe.
Wenn Essen zur Lösung für tiefere Themen wird
In dem Moment, in dem das Essen zum Problem erklärt wird, verschiebt sich die Verbindung zum eigenen Körper oft grundlegend und wird zu Beginn meist gar nicht bewusst wahrgenommen.
Mahlzeiten verlieren ihre Entspanntheit und die Selbstverständlichkeit des Nährens und gemütlichen Zusammenseins. Die Mahlzeiten werden für betroffene zu Situationen, die beobachtet, bewertet und ständig kommentiert und verglichen werden, während die ehrliche Verbindung zum Körper immer mehr verschwindet.
Viele Betroffene, die in einer Bulimie oder ähnlichen Essstörungen gefangen sind, beschreiben es so, als dass sie sich selbst beim Essen wie von aussen betrachten, wie von einem Autopiloten gesteuert sind, die Gedanken im Kopf ständig kontrollieren und kommentieren, ob das gewählte Essen gerade „in Ordnung“ oder «erlaubt» ist oder nicht. Dabei verlieren sie den Kontakt zu sich selbst, zu ihren Gefühlen und zu den eigenen Bedürfnissen immer mehr.
Je stärker diese Verhalten nur auf der Symptomebene problematisiert wird, desto mehr rückt es paradoxerweise ins Zentrum des Alltags der Betroffenen. Solange, bis es kaum noch möglich ist, sich davon einfach zu lösen.
Essverhalten als Sprache der Seele
Eine Essstörung ist keine zufällige Ansammlung von schlechten Gewohnheiten oder etwas um Aufmerksamkeit zu erhalten, sondern eine hoch individuelle Sprache, mit der unser Körper, unsere Seele und die gesamte Innenwelt auf Belastung, Druck, Überforderung, Erwartungen, Bewertungen etc reagieren.
Überessen, Restriktion, Verbote, Essdruck oder auch das Gefühl von Kontrollverlust entstehen häufig dort, wo Gefühle keinen sicheren Raum haben um sich zeigen zu dürfen, wo Bedürfnisse nicht mehr gehört, geachtet und ernst genommen werden oder auch dort, wo innere Spannungen viel zu lange unterdrückt werden mussten.
Das Essen übernimmt dann eine Funktion, die ursprünglich nicht seine Aufgabe war. Es beruhigt, reguliert, betäubt, würgt ab, strukturiert oder gibt zumindest kurzfristig das trügerische Gefühl von Macht und Halt.
Wer versucht, dieses beherrschende Essverhalten auf Symptomebene zu verändern, ohne die darunterliegenden Funktionen zu verstehen, entzieht dem System ein wichtiges Regulationsmittel, ohne etwas anderes an seine Stelle zu setzen. Genau das verstärkt den inneren Stress noch mehr. Daraus entwickelt sich schnell eine Suchtverlagerung oder ein massiv kontrolliertes und eingeschränktes Essverhalten, welches ebenfalls keine Freiheit bedeutet.
Warum Kontrolle kurzfristig beruhigt, jedoch langfristig total entfremdet
Kontrolle wirkt auf den ersten Blick oft wie eine tolle Lösung. Sie verspricht Struktur und vermittelt das Gefühl vermittelt, wieder handlungsfähig zu sein. Besonders in Phasen innerer Überforderung, Leistungsdruck oder Unsicherheit.
Doch Kontrolle arbeitet nicht zum Wohl des Körpers, sondern wirkt hart und geht ständig über ihn hinweg. Durch Kontrolle und Macht übers Essen ignorieren wir Signale, unterdrücken Hunger oder interpretieren falsch und legen alles was uns schadet so zurecht, dass es irgendwie wieder passt, auch wenn es uns schadet.
Der Körper verlernt dadurch, dass er gehört, beachtet, genährt und verstanden wird. Er lernt, dass er sich anpassen muss, dass er zu funktionieren hat und dass er sowieso nichts verdient. Langfristig entfernen wir uns damit immer mehr von uns selbst. So weit, bis wir ganz von uns abgetrennt sind.
Diese Entfremdung zeigt sich oft genau dort am stärksten, wo Kontrolle eigentlich unterstützen sollte. In noch verstärkterem Essdruck, in innerem Widerstand, im Kampf gegen das Essen und den eigenen Körper.
Was „normales Essverhalten“ wirklich bedeuten kann
Ein natürliches, normales Essverhalten ist ein dynamischer, intuitiver und lebendiger Prozess, der sich ständig an innere und äussere Bedingungen anpasst.
Es berücksichtigt körperliche Bedürfnisse genauso wie emotionale Zustände, Lebensphasen, Stress, Freude, Müdigkeit oder soziale Situationen, ohne all das sofort zu bewerten, in Regeln zu packen oder gar korrigieren zu wollen.
Normales Essverhalten bedeutet, dass Essen nicht ständig reflektiert, sondern einfach als Nahrung genutzt wird um unseren Körper zu nähren, ihn zu stärken und damit seine natürlichen Bedürfnisse zu stillen.
Viele Menschen, die in einer Essstörung gefangen sind, sehnen sich nach einem normalem Essverhalten. Sie meinen damit aber meist den sehnlichen Wunsch nach Ruhe und Frieden im Kopf. Ruhe vom ständigen Kampf, von der Kontrolle, vom Widerstand, den Bewertungen und der Härte gegen sich selbst. Sie sehnen sich im Grunde so sehr nach einer achtsamen, fürsorglichen und liebevollen Verbindung zum eigenen Körper, zum Essen und zum Leben.
Persönlicher Einblick: Mein langer Weg vom Kampf ins Vertrauen
Auch ich habe über sehr lange Zeit geglaubt, dass mein gestörtes Essverhalten das eigentliche Problem sei, das ich nur konsequent genug verändern und noch etwas mehr um Griff haben müsste, um endlich frei zu sein.
Ich habe versucht, mich noch mehr zusammenzureissen, noch mehr Pläne zu erstellen, mich selbst noch mehr zu überwachen und zu kontrollieren, und habe dabei immer wieder das frustrierende Gefühl gehabt, an mir selbst zu scheitern.
Erst als ich begonnen habe, meine Essstörung nicht mehr als Gegner, sondern als Ausdruck meiner inneren Überforderung, als Überlastung meiner Seele zu betrachten, hat sich langsam etwas verschoben.
Dieser Perspektivwechsel war kein einmaliger Moment, sondern ein stiller Prozess, in dem Mitgefühl, Selbstfürsorge, Verständnis, Achtsamkeit und vorsichtiges Vertrauen nach und nach mehr Raum bekommen haben. So dass Kontrolle, Bewertung, Härte und Selbstkritik parallel dazu immer mehr in den Hintergrund gerückt sind.
Erste Schritte raus aus dem Kampf
Ein erster Schritt raus aus dem Kampf gegen die Essstörung besteht oft nicht darin, sofort etwas aktiv zu verändern, sondern darin, erst einmal innezuhalten und das eigene Essverhalten bewusst wahrzunehmen. Ohne es sofort einordnen oder bewerten zu müssen, einfach wahrzunehmen wie es ist und wie es sich anfühlt.
Fragen wie zum Bespiel:
„Was geht gerade in mir vor, was will oder kann ich nicht fühlen?“
„Welche Spannung versuche ich gerade abzuwürgen?“
„Was würde mir an Stelle des Essens gut tun?“
..öffnen einen Raum, in dem neue Möglichkeiten entstehen und sich neue Sichtweisen zeigen können.
Dieser Prozess braucht viel Achtsamkeit, Geduld und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, da er gegen jahrelang eingebrannte Gedankenzüge, automatisierte Dynamiken von Kontrolle und Selbstoptimierung uvm. arbeitet. Doch genau darin liegt auch eine nachhaltige Kraft, um langfristig in der Tiefe zu verändern und richtig frei zu werden.
Fazit: Veränderung beginnt mit liebevoller Verbindung
Essstörungen verändern sich nicht nachhaltig durch noch mehr Kampf, Widerstand, Druck oder noch härtere Disziplin gegen uns selbst. Eine Essstörung kann langfristig losgelassen werden durch eine liebevolle, nährende und fürsorgende Verbindung zum eigenen Körper und zum Leben und zu sich selbst.
Der Weg zurück in die Freiheit funktioniert also nicht damit: „Wie bekomme ich das in den Griff?“ Sondern mit der kraftvollen Frage:
„Wie kann ich mir selbst wieder näher kommen?“
«Was braucht es um mir selbst und meinem Körper wieder zu vertrauen?»
Melde dich jederzeit bei mir, wenn du wissen möchtest , wie deine ersten Schritte auf dem Weg in die Freiheit aussehen könnten. Du bist nicht allein. Ich nehme dich von Herzen gern ein Stück auf deinem Weg aus der Essstörung mit an die Hand.
Von Herzen alles Liebe,
Andrea ❤️


