In diesem Artikel möchte ich mit dir ein paar praktische Tips für den Alltag sowie wertvolles Hintergrundwissen für Eltern und Betreuungspersonen von (Klein-)Kindern teilen. Ich zeige dir auf, wie du mit den folgenden Impulsen dein Kind in Bezug auf das Essen, Familientisch sowie einer achtsamen Verbindung zum eignen Körper unterstützen kannst – ein Blick hinter die Kulissen möglicher familliendynamischer Abläufe und Prägungen, die meist schon in ganz ganz frühem Alter gesetzt und geprägt werden.
Essstörungen entstehen oft nicht plötzlich oder «einfach so», sondern schleichen sich über viele Jahre langsam und unbemerkt in die Leben der Kinder und Jugendlichen ein. Was viele nicht wissen: Die Wurzeln dazu können bereits im Kleinkindalter gelegt werden. Es sind subtile Dynamiken in der Familie, Umgangsweisen, Bewertungen mit dem Thema Essen sowie Leistungsanspruch, Druck, Kontrolle oder unausgesprochene Themen und Erwartungen, die Kinder schon früh in einen inneren Konflikt bringen können.
In diesem Artikel werfen wir gemeinsam einen Blick auf mögliche Dynamiken in Familien sowie in frühe Anzeichen und Zusammenhänge in den Anfangasstadien von Essstörungen. Ich gebe dir zudem wertvolle und im Alltag sofort umsetzbare Tips, wie du dein Kind dabei unterstützen kannst, eine gesunde Beziehung zum Essen, zum eigenen Körper und zu sich selbst zu entwickeln. Du erfährst, warum Kontrolle und Druck oft das Gegenteil davon bewirken und wie du einen vertrauten und achtsamen Rahmen schaffen kannst, in dem sich dein Kind authentisch, leicht, kreativ und möglichst frei entfalten kann.
Wie Familiendynamiken Essstörungen beeinflussen können
Zuallererst ist es ganz wichtig zu wissen: Kinder kommen nie mit einem gestörten Essverhalten auf die Welt. Sie sind von Natur aus lustvoll, genussvoll und neugierig auf Essen, experimentieren mit verschiedenen Geschmäckern und Konsistenzen und folgen ganz natürlich und intuitiv ihrem Bauchgefühl, was Hunger und Sättigung betrifft. Doch schon ganz früh können unbewusste Muster in der Familie diesen natürlichen Instinkt stören – und damit entfernen sie sich bereits einen ersten Schritt von sich selbst und ihrer intakten Verbindung zu ihrer Wahrnehmung und ihrem glasklaren Gefühl was Hunger und Sättigung betrifft.
Vielleicht kennst du solche Sätze wie: „Iss deinen Teller leer, sonst wird morgen schlechtes Wetter.“ oder „Wenn du brav bist und aufisst, bekommst du einen Keks.“ oder «Nachtisch gibts nur wenn du alles Gemüse aufgegessen hast.» oder «Du kannst jetzt doch nicht schon wieder Hunger haben – wir haben doch erst zu Mittag gegessen.» oder «Bist du sicher dass du noch hungrig bist – du hast doch schon zwei Teller Spaghetti gegessen.» oder «Willst du nicht Leiber ein paar Apfelschnitze essen anstatt eine ganze Packung Gummibärchen zu verschlingen – dich machen doch nur dich und enthalten so viel Zucker.».Ich könnte diese Liste mit prägenden und beeinflussenden Aussagen von Eltern und Erziehungspersonen noch um mindestens zwei Seiten erweitern. Du weisst was ich meine und hast bestimmt auch schon den einen oder anderen Satz gehört in deiner eigenen Kindheit – oder ihn bereits bei deinen eigenen Kindern angewendet, richtig? Solche Botschaften verknüpfen Essen mit Belohnung, Schuld, schlechtem Gewissen, Verbot oder Einschränkung und vermitteln Kindern, dass es nicht genügt – ja sogar falsch ist! – ganz natürlich und intuitiv auf den eigenen Körper zu hören.
Kinder reagieren zudem äusserst sensibel auf Stimmungen, Erklärungen oder unausgesprochene Regeln. Wenn Eltern z. B. ein angespanntes Verhältnis zu ihrem eigenen Körper oder zum Essen haben, überträgt sich das unbewusst auf das Kind. Kommentare wie: „Ich darf heute nichts mehr essen, ich war schon so unvernünftig und habe heute Nachmittag gesündigt mit dem Kuchen.“ oder „Ich muss abnehmen, ich bin viel zu dick geworden.“ oder «Ich kann das nicht essen, das ist viel zu fett.» oder «Ach das ist ja die reinste Kalorienbombe, das kann ich mir nicht erlauben, sonst muss ich morgen wieder Diät halten.». Diese und so viele weitere Aussagen mehr, die oft ganz unüberlegt und einfach Mal so von Erwachsenen daher gesagt werden, hinterlassen tiefe Spuren.
Kontrollierende Muster erkennen: Wann wird Essen zum Macht-Thema?
Essen wird oft unbewusst zum Machtthema zwischen Eltern und Kind. Das beginnt vielleicht damit, dass ein Kleinkind plötzlich nur noch zu jeder Mahlzeit Nudeln ohne Sauce essen will und endet mit der Zeit in ständigen Diskussioonen darüber was gegessen werden darf, soll oder mus. Der Familientisch sollte ein gemütlicher Treffpunkt der Familie sein, wo gemeinsamer Austausch stattfindet. Ein Miteinander und Füreinander und kein Gegeneinander. Je mehr der Fokus auf dem, was gegessen wird liegt, je mehr Druck, Bewertung und Kontrolle mit im Spiel sind, umso mehr neigt das Kind dazu, Essen als Mittel zu nutzen, um Eigenständigkeit zu zeigen, um zu testen wie viel Macht es hat oder ganz einfach auch um Aufmerksamkeit zu bekommen.
Ein weiteres spannendes Beispiel aus meiner Begleitung: Eine Mutter berichtete mir von ihrem dreijährigen Sohn, der beim Abendessen regelmässig das Essen verweigerte. Die Mutter bestand darauf, dass er alles probiert, was auf dem Tisch steht und etwas essen muss. Was sie dabei lange übersehen hat und nicht bemerkte: Der kleine Junge nutzte das Essen oder das nicht essen, um sich in einer Phase der Autonomie von der Mutter abzugrenzen, sie herauszufordern und zu testen wie weit er gehen kann – auch das unbewusst und nicht böswillig absichtlich. Der Druck der Mutter verstärkte den Widerstand ihres Kindes und schon waren sie in einem allabendlichen Machtkampf, der sich schon im Lauf des nachmittags anbahnte mit Hoffnung, Angst und Erarbeitung von Strategien, dass er doch etwas isst. Nachdem ich mit ihr gearbeitet und sie erkannt hatte, was ihr Sohn braucht – hat es genau 5 Abendessen gebraucht – und von ihr viel Klarheit und Konsequenz – bis ihr Sohn wieder Appetit hatte, gewählt hat, was und wie viel er von welchem (von der Mutter angebotenem Essen) mochte. Die Spannung am Familientisch ist einer ganz neuen Leichtigkeit gewichen.
Essen sollte nie zum Machtkampf werden. Kinder brauchen Raum und Möglichkeiten und ein ausgewogenes Angebot auf dem Tisch, um eigene Entscheidungen zu treffen, um auszuwählen, um auszuprobieren und um zu testen. Wenn sie wahrnehmen, dass sie selbstbestimmt essen dürfen, entsteht weniger Druck und mehr Vertrauen. Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, ins eigene Gefühl von Hunger und Sättigung und das wiederum stärkt die Verbindung zum eigenen Körper.
Tips für Eltern: So kannst du dein Kind liebevoll unterstützen
1. Schaffe ein entspanntes Umfeld:Mach das Essen zu einer schönen Zeit in der Familie – ohne Druck, Ablenkungen oder Diskussioonen. Gemeinsame Mahlzeiten können zu einem Ritual werden, bei dem ihr euch austauscht, lacht und geniesst. Spielsachen,, Handys, Zeitschriften etc haben auf dem Tisch während dem Essen nichts zu suchen.
2. Vermeide Bewertungen:Sätze wie „Du bist aber ein guter Esser..“ oder „Warum isst du denn nur so wenig?“ können Kindern bereits das Gefühl vermitteln dass etwas nicht stimmt bei ihnen. Lass dein Kind selbst wahrnehmen und entscheiden, wann es satt ist. Vertrau deinem Kind!
3. Sei ein authentisches Vorbild:Kinder lernen am meisten durch Nachahmung. Wenn du selbst entspannt mit Essen umgehst, wird dein Kind dies genauso übernehmen. Zeige, dass Genuss dazugehört und alle Lebensmittel ihren Platz haben dürfen. Ausprobieren, lustvoll sein, geniessen – all das darf Platz haben am Familientisch.
4. Gib die Kontrolle ab:Statt Regeln aufzustellen wie „Du musst erst dein Gemüse essen, bevor es Nachtisch gibt.“ oder «Wenn der Telle nicht leer gegessen ist, gibts nichts Süsses.» oder «Du darfst nicht nur leere Nudeln essen.» schenk deinem Kind stattdessen die Freiheit, selbst zu entscheiden und zu wählen wie viel von dem, was du auf dem Tisch bereit stellst, es mag. Du bestimmst, was auf den Tisch kommt – dein Kind bestimmt, was und wie viel es davon essen möchte. Nachspeise und Süsses nicht an Bedingungen knüpfen und auch nicht als Belohnung einsetzen.
5. Sprich über Gefühle:Hinter Essstörungen oder Machtspielen am Tisch stecken oft unausgesprochene Emotionen, Erwartungen, Leistungsansprüche etc. Wenn dein Kind z. B. plötzlich nicht mehr essen möchte, frage liebevoll nach: „Wie geht es dir heute? Was beschäftigt dich gerade?“. Das ist so viel mehr wert als noch mehr Fokus auf das Essen oder nicht essen zu lenken. Ich persönlich hätte mir damals, als ich in die Essstörung gerutscht bin gewünscht, mich hätte jemand danach gefragt wie es mir geht. Weder meine Eltern noch die Ärztin noch der Psychologe haben das jemals so gesagt als das ich mich hätte öffnen können. Der meiste Fokus lag auf «Iss doch mal.» oder «Du musst zunehmen, das geht so nicht mehr weiter mit dem Essen.»
Die Rolle der Eigenverantwortung – auch bei den Eltern
Ein gesunder Umgang mit Essen beginnt oft damit, dass wir als Eltern unsere eigenen Muster hinterfragen. Was für eine Beziehung hast du zu deinem eigenen Körper und zu Lebensmitteln? Welche Botschaften vermittelst du deinem Kind durch dein eigenes Verhalten, durch deine Sicht- und Denkweisen, durch deine eigenen Einschränkungen und Bewertungen?
Kinder fühlen sehr genau, ob Eltern das, was sie sagen, auch ehrlich leben. Wenn du deinem Kind beibringen willst, auf seinen Körper zu hören, ihn zu umsorgen und auf ihn zu achten, dann darfst du zuallererst lernen, auch deinem eigenen Körper zu vertrauen und dich um ihn zu kümmern. Das ist ein Prozess auf dem Weg aus einer Essstörung, der Zeit braucht und Geduld erfordert.Wir sind in diesem Artikel vertieft auf das Thema Essen eingegangen – Erlaubnis und die Kinder darin zu unterstützen auf ihre eigene Intuition zu hören betrifft aber noch viele weitere Bereiche im Alltag. Sei das zum Bespiel wenn sie genau wissen, wie sie sich anziehen wollen damit sie sich wohl fühlen,. Oder wie sie ihre Haare frisiert – oder unfrisiert – tragen wollen. Oder wie sie ihr Zimmer einrichten und welche Ordnung sie darin haben wollen und vieles mehr. Wenn wir als Eltern es schaffen, unsere meist hohen Ansprüche an unsere Kinder zu reduzieren, ihnen dafür mehr zuzuhören, ihnen zu vertrauen und ihnen zutrauen, dass sie sehr wohl auch in jungen Jahren ein klares Gefühl dafür haben, was ihnen gut tut und wie sie es gerne haben möchten, dann ermöglichen wir ihnen eine starke Bindung zu sich selbst aufzubauen. Damit können wir indirekt auch einen wertvollen und vorbeugenden Beitrag leisten, damit sie möglichst bei sich bleiben und nicht in die Versuchung geraten sich im Aussen anzupassen um zu genügen, zu passen, geliebt oder angenommen zu werden.Ein ganz berührendes Beispiel hierfür ist zum Beispiel dir liebe Imke. Sie hat in dem halben Jahr in meiner Begleitung so viel gelernt und unglaublich viel an Druck, Härte und Kontrolle losgelassen – genauso wie die Bulimie, die hat sie auch losgelassen . Sie berichtete mir, wie glücklich und frei sie ist und wie sehr sich ihre Beziehung zu ihrem Körper und zu ihrem kleinen Sohn in den letzten Monaten verändert hat. Durch die Begleitung hat sie so viel mehr Leichtigkeit und Freude, aber auch Erlaubnis in Bezug auf die Intuition und Freiheit sich selbst und ihren Kindern gegeüber gelernt. Vor einem Jahr hätte sie niemals zugelassen, dass ihr Sohn zu einer Familien-Feier in einem rosa Kleid und einem blau glitzernden Bolero geht. Sie erzählte mir, wie sie früher dachte, dass sie die Kontrolle und ihr eigenes Bild nach aussen aufrechterhalten müsse – er wäre vor einem Jahr mit Chino-Hose, Hemd und Krawatte eingekleidet worden für diese Familienfeier. „Ich habe gelernt, loszulassen, ihn zu unterstützen und ihm zu vertrauen, dass das was er sich wünscht und womit er sich scheinbar wohl fühlt einfach ok ist – egal was andere denken oder tuscheln.» Das Beste dabei? «Es war unglaublich schön zu sehen, wie er auf der Feier strahlte. Er war der Mittelpunkt und hat es in vollen Zügen genossen. Seine Freude und seine Authentizität haben alle Gäste berührt.“ Diese Erfahrung hat nicht nur Imkes ihr Herz geöffnet und gezeigt, wie wichtig es ist, Kindern den Raum zu schenken, sie selbst zu sein. Sie hat viele Feedbacks erhalten von Menschen, die es total mutig fanden, dass sie ihrem Sohn erlaubt hat in diesem Kleid das Fest zu besuchen. Niemand hat getuschelt, bewertet oder gelacht, das waren ihre eigenen Einschränkungen und Ängste, die sie in den 6 Monaten loslassen und verändern konnte – und damit ihrem Sohn so viel Limitierung erspart hat und in den nächsten Jahren ersparen wird.
Fazit
Essstörungen beginnen oft viel früher, als viele denken und ganz anderss als erwartet und bereits im Kleinkindalter können mögliche Weichen gelegt werden. Gerade in diesen frühen Jahren haben wir als Eltern eine grosse Chance, die Verbindung unserer Kinder zu einem achtsamen und intuitiven Körper- und Essgefühl zu festigen und weiter zu stärken. Indem wir authentische Vorbilder für unsere Kinder sind schenken wir ihnen die Möglichkeit zu lernen und zu vertrauen sowie eine gesunde Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper und zum Essen aufzubauen.
Weitere Informationen zum Thema Bulimie und Essstörungen findest du auch auf meinem YouTube Kanal, im Podcast und in meinen kostenlosen Webinaren. Das alles findest du auf meiner Webseite.
Ich wünsche dir nun viele spannende Momente und stehe dir bei Fragen jederzeit gerne zur Verfügung. Nutze dazu einfach das Kontaktformular auf meiner Webseite.


