Vielleicht kennst du das auch, wenn du in der Bulimie oder einer ähnlichen Essstörung gefangen und eingeladen bist. Zu einem Abendessen, einem Geburtstag oder zu einem gemeinsamen Essen mit Familie oder Freund*innen. Noch bevor du überhaupt losgehst, beginnt das Rechnen und Vorbereiten im Kopf: Was wird es geben? Wie viel esse ich? Wo sitze ich? Esse ich überhaupt etwas? Was, wenn die anderen etwas sagen oder mich beobachte?
Wenn du das kennst, dann bist du weder empfindlich noch komisch. Dein System reagiert auf eine dir bekannte Situation, die massive Unsicherheit und Angst auslöst. Eine Angst, die sich aus alten Verletzungen tief in deinem Unterbewusstsein gespeichert hat und bei ähnlichen Situationen jedes Mal fast automatisch wieder aktiviert wird.
Viele Betroffene, die in einer Essstörung gefangen waren, empfinden gemeinsames Essen nicht als schöne oder bereichernde Begegnung, sondern eher als Bühne und einen Spiessrutenlauf unter ständiger Beobachtung und Bewertung.
Um in solchen Situationen nachhaltig etwas zu verändern, braucht es in diesen Situationen Selbstführung und Selbstfürsorge. Betroffene sollen nicht mehr gegen sich selbst kämpfen, sondern mehr und mehr achtsam gemeinsame Essen und entspannte, gemütliche Abende mit Freunden bei einem feinen essen geniessen können ❤️.
Was in dir passiert, wenn viele Augen scheinbar „mitessen“
Essen in Gesellschaft ist viel mehr als ein körperlicher Vorgang. Es ist zutiefst sozial und emotional.
Während des Essens nimmt das Nervensystem eine Vielzahl an Reizen auf wie zum Beispiel Geräusche, Stimmen, Gerüche, die Dynamik am Tisch, die Stimmung der anderen Menschen und viele mehr.
Innere Anspannung, die sich aus den Ängsten der Vorbereitung und aus dem überreizten Nervensystem entwickeln kann, kann dazu führen, dass das Essen für betroffene Menschen zum Auslöser von Überforderung wird. Nicht, weil Betroffene „zu empfindlich“ sind, sondern weil das System gelernt hat, mit dem Essen die Überforderung durch die vielen äusseren Einflüsse auszuhalten, wegzudrücken und damit automatisch ganz viel Druck und Bewertung entsteht.
Dabei können sich sogar körperliche Reaktionen zeigen wie zum Beispiel:
Gehemmte Verdauung
Beschleunigter Puls
Flachere Atmung
Eingeschränkte Wahrnehmung
Verstärkter Drang nach Kontrolle
Manche Menschen beginnen hastig zu essen. Andere essen gar nichts, um sich vor Anfällen zu schützen. Wieder andere klammern sich an strikte Regeln und Einschränkungen wie zum Beispiel „Nur Salat“, „Kein Brot“ oder „Kein Dessert“ etc.
All diese Reaktionen sind Schutzstrategien um irgendwie klar zu kommen. Betroffene wollen um keinen Preis auffallen und geben sich in chaotischen und unkontrollierbaren Momenten etwas Halt und Struktur. Langfristig führen sie jedoch zu einer immer grösser werdenden Trennung vom eigenen Körper, von anderen Menschen und von sich selbst.
Zentral ist daher bei gemeinsamen Essen und Einladungen nicht das richtige Essverhalten, sondern das Gefühl von Sicherheit und des sich Wohlfühlens in der Gesellschaft.
Von Kontrolle zu Selbstführung: Der innere Wechsel
Kontrolle orientiert sich an der Frage: „Wie muss ich essen, damit ich passe?“
Selbstfürsorge orientiert sich daran: „Was brauche ich, damit ich mich hier wohl und sicher fühle?“
Diese Veränderung in der Denk- und Sichtweise ist entscheidend. Kontrolle entsteht immer aus Angst. Selbstführung und Selbstfürsorge wächst aus einer inneren Verbundenheit zu sich selbst.
Wer lernt, sich selbst liebevoll und achtsam zu führen, anstatt sich zu mit noch mehr Härte zu zwingen oder einzuschränken, der gewinnt drei wesentliche und grundlegende Lebens-Qualitäten zurück:
Orientierung: Erkennen und reflektieren, was im Inneren passiert, anstatt von alten Mustern und belastenden Geschichten überrollt und immer wieder blockiert zu werden.
Wahl: Bewusste Entscheidungen darüber, was guttut, was gewünscht und gewählt und worauf der Fokus gelegt werden möchte.
Würde: Liebevolle und bewusste Rückkehr an den eigenen Platz. Dorthin, wo Essen, Fühlen und Sein wieder selbstbestimmt und achtsam möglich ist.
Liebevolle Selbstfürsorge bedeutet, dass wir die eigene Stimme auch inmitten lauter, äusserer Reize wieder wahrnehmen.
Mit jedem Mal, in dem bewusst eine achtsame Verbindung mit sich selbst hergestellt wird, entsteht ein Stück mehr Vertrauen in und zu sich selbst.
Das kann ein tiefer Atemzug sein, ein kleiner Bissen, der achtsam genossen wird. Das kann ein Platzwechsel oder ein schlichtes „Nein danke“ sein. All diese achtsamen Gesten und vieles mehr können in überfordernden Momenten ein Ausdruck von Selbstfürsorge sein und unterstützen auf dem Weg der Heilung.
Werkzeuge, die in der Tiefe verändern können
Die folgenden Werkzeuge und kleinen Aufgaben können dir in herausfordernden Momenten am Tisch und in Gesellschaft Halt, Orientierung und Sicherheit schenken.
Mini-Menü – einfache Orientierung statt Kontrolle und Zwang
Ein Mini-Menü ist keine Diät, sondern eine einfache, liebevolle Struktur. Sie hilft dir, die belastenden inneren Dialoge und Diskussionen zu beruhigen und eine achtsame Verbindung zum Essen und zu dir selbst aufzubauen.
Die Kombination aus diesen drei Elementen auf deinem Teller kann dich dabei ganz einfach unterstützen:
1 Teil Kohlenhydrate (z. B. Brot, Kartoffeln, Reis)
1 Teil Proteine (z. B. Fisch, Hülsenfrüchte, Käse oder Tofu)
1 Teil Fette (z. B. Öl, Nüsse, Avocado)
Diese Mischung signalisiert deinem Kopf und deinem Körper dass die Versorgung gesichert ist und das Thema losgelassen werden kann.
Sichere Sätze – Schutz durch Sprache
Sichere Sätze können sowohl innere als auch äussere Auseinandersetzungen beenden oder dazu beitragen, dass sie gar nicht erst entstehen.
Das kann so viel wie ein einfaches „Danke, das passt so für mich.“ sein. Oder «Ich bin total satt, es war absolut köstlich. Besten Dank.» Beides ist freundlich und klar verständlich.
Sprache kann zu einem Schutzraum werden. Sie markiert liebevoll deine Grenze ohne eine Trennung oder Widerstand zu erzeugen.
Stoppsignale – wenn der Druck steigt
Wenn dein innerer Druck spürbar mehr wird, können einfache Veränderungen den Kreislauf sofort unterbrechen. Versuche es zum Beispiel mit folgenden Möglichkeiten:
Erlaube dir eine kurze Auszeit an die frische Luft. Atme tief ein und aus.
Trinke ganz bewusst einen Schluck Wasser und nimm wahr, wie das Wasser durch deinen Körper fliesst
Lege eine Hand sanft auf deinen Solarplexus und schliesse für ein paar Sekunden deine Augen
Blicke in die Ferne, fokussiere einen Gegenstand und beschreibe ihn innerlich
Diese kleinen Schritte wirken wie Anker. Sie geben dir und deinem Körper die Möglichkeit sich in ganz kurzer Zeit wieder mit sich selbst zu verbinden und den Fokus wieder nach Innen zu richten.
Auch mitten im Essen sind kurze Pausen erlaubt.
Notfall-Strategie, wenn der Druck plötzlich steigt
Manchmal reicht bereits ein Blick, eine Geste, ein Geruch oder ein Kommentar und der Druck im Innen steigt sprunghaft an. Das Nervensystem reagiert reflexartig. In solchen Momenten hilft es, wenn Selbstführung bewusst aktiviert werden kann.
Schritt 1: Bewegung.
Mit einem kurzen Schritt nach draussen oder ganz einfach mit einem physischen Schritt aus der aktuellen Situation heraus, signalisierst du dir selbst, dass du dir damit einen erweiterten Handlungsspielraum schenkst und du nicht in der Situation ausharren oder gefangen sein musst.
Schritt 2: Atmung.
Wähle und fokussiere dich ganz bewusst auf fünf ruhige Atemzyklen. Atme dabei doppelt so lange aus wie ein.
Schritt 3: Verbindung.
Schliesse deine Augen, lege deine Hände auf dein Herz und nimm wahr, wie deine Fusssohlen mit dem Boden verbunden sind.
Im Anschluss an eine dieser kurzen Übungen kannst du das Essen bewusst neu und anders weiter geniessen. Mit kleinen achtsamen Bissen, mit Atempausen und innerem Fokus auf dich, das Essen und den Moment.
Fazit & dein erster Schritt
Es braucht keine makellose oder perfekte Performance beim Essen. Entscheidend ist das Gefühl von Wohlfühlen und Halt.
Dieser Halt entsteht nicht durch Kontrolle und Druck, sondern durch Vertrauen in den eigenen Körper, in den Moment, in dich und in das Leben. Eine achtsame Vorbereitung, eine liebevolle Begleitung und eine bewusste Reflexion und Nachsorge können dabei wie drei tragende Säulen wirken und dir helfen immer entspannter mit Einladungen und Essen umzugehen.
Ein Satz, der dich stärkt oder eine kurze Atem-Übung, die dich zurück in eine bewusste Verbindung zu dir selbst und eine innere Ruhe führen, können zu deinen wertvollen Begleitern auf Einladungen werden.
Kleine Schritte sind oft die kraftvollsten und wertvollsten und jeder einzelne Schritt auf deinem Weg ist ein Schritt in Richtung Freiheit ❤️.


