Wie du dich als Angehörige*r aus einem oft lange unbewussten Kreislauf von Anpassung und Rücksichtnahme auf die Sucht deiner Liebsten lösen kannst.
Der schmale Grat zwischen helfen wollen, Anpassung und Selbstaufgabe
Kennst du das Gefühl, für andere Verantwortung zu übernehmen, deine Bedürfnisse mehr und mehr hinten anzustellen und dich dabei selbst immer mehr zu verlieren? Du passt dich über die Jahre so massiv an, dass du meinst echte Liebe, Anerkennung oder Wertschätzung zu bekommen für deine gut gemeinte Unterstützung? Erst nach Jahren erkennst du, dass es dich innerlich mehr und mehr ausbrennt. Vielleicht hast du das Gefühl, ständig noch mehr geben zu müssen, obwohl kaum etwas zurückkommt. Alles, was du tust, ist nicht richtig, es reicht nie und führt dich nur noch weiter in die Hilflosigkeit. Du machst noch mehr, passt dich noch mehr an und unterstützt so – meist über viele Jahre absolut unbewusst – die Abhängigkeit deiner Liebsten, anstatt sie darin zu unterstützen, frei zu werden.
Co-Abhängigkeit: Ein unsichtbares Gefängnis für Angehörige
Co-Abhängigkeit in einer Familie mit einer essgestörten Person bedeutet oft, dass Angehörige die Sucht unbewusst fördern. Nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie sich mit der Zeit immer mehr in den Kreislauf der Anpassung und Rücksichtnahme verstricken, weil sie grundsätzlich Betroffenen vor allem helfen und sie unterstützen wollen. Das kann sich in stetigen Versuchen äussern, die Betroffene zu kontrollieren oder ihr Verhalten zu beeinflussen – und sie dadurch retten zu wollen. Doch genau diesen Verhalten hält die Sucht oft aufrecht.
Es beginnt häufig schleichend: Du merkst vielleicht nicht einmal, wie du anfängst, dein Leben, dein Denken und Handeln um die Essstörung der betroffenen Person herum zu organisieren. Mahlzeiten werden geplant, um Konflikte zu vermeiden. Gespräche werden vermieden, um die Stimmung nicht zu verschlechtern. Betroffene werden nur noch mit Samthandschuhen angefasst, um ja nichts falsch zu machen. Du passt dich so sehr an die Betroffene an, dass deine eigenen Bedürfnisse mit den Jahren kaum mehr Platz haben.
Warum es so wichtig ist, als Angehörige*r die Betroffenen loszulassen
Als Angehörige*r möchtest du immer nur das Beste für die betroffene Person. Manchmal bedeutet Hilfe und Unterstützung schenken und für die Menschen da zu sein auch, einen Schritt zurückzutreten und die Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört. Nämlich bei der betroffenen Person! Das bedeutet nicht, dass du die betroffene Person allein lässt oder nicht da sein darfst für sie – im Gegenteil. Es geht darum, einen Raum zu erschaffen, in dem sie die Möglichkeit bekommt selbst die volle Verantwortung für ihre Heilung zu übernehmen, währenddem du gut für dich selbst sorgst.
Dieses Loslassen ist unglaublich schwer, vor allem wenn du über Jahre hinweg unbewusst in diesem unsichtbaren Kreislauf der Co-Abhängigkeit gefangen bist. Es fühlt sich in einem ersten Schritt so an, als würdest du die betroffene Person im Stich lassen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Indem du loslässt, indem du nicht mehr um jeden Preis helfen und unterstützen willst, in dem Moment schenkst du ihr die Möglichkeit, selbst die Verantwortung für ihren Weg zu übernehmen.
Erste Schritte aus der Co-Abhängigkeit
Hier teile ich gleich fünf Schritte mit dir, die dich darin unterstützen können, aus der Co-Abhängigkeit auszusteigen um wieder eine gesunde Beziehung zur betroffenen Person aufzubauen:
Selbstreflexion: Erkenne deine eigenen Muster. Wo passt du dich an? In welchen Bereichen übernimmst du Verantwortung, die nicht deine ist? Wo nimmst du dich zurück? Wo und wann verwendest du die Samthandschuhe? Wo wagst du nicht mehr eigene Entscheidungen für dich zu treffen, weil es Streit geben könnte? Schreibe alle deine Gedanken zu diesen Fragen auf, um erstmal mehr Klarheit zu gewinnen wie du funktionierst.
Grenzen setzen, abgeben und dich zurücknehmen: Lerne ganz klar und liebevoll „Nein“ zu sagen. Du bist nicht verpflichtet, alles zu tun, was die betroffene Person erwartet oder fordert. Deine eigenen Grenzen zu respektieren, ist ein ganz wichtiger Schritt, um dich selbst zu schützen und mit dir verbunden und gesund zu bleiben.
Unterstützung suchen: Ob durch eine Selbsthilfegruppe, eine professionelle Begleitung oder durch Austausch mit anderen Angehörigen – du musst diesen Weg nicht allein gehen. Ein geschützter Raum, in dem du dich austauschen kannst und Menschen die dich verstehen sind ganz wichtig und unglaublich wertvoll.
Verantwortung abgeben: Erkenne und kommuniziere ganz klar, dass du die betroffene Person nicht heilen kannst. Diese Verantwortung liegt ganz allein bei ihr. Du kannst jedoch auf jeden Fall einen achtsamen, unterstützenden Rahmen erschaffen, der Heilung ermöglicht und fördert – sofern es die betroffene Person zulässt und sich darauf einlässt.
Selbstfürsorge: Finde heraus, was dir gut tut, und nimm dir bewusst wieder Zeit dafür. Egal ob das Spaziergänge, ein Hobby oder bewusste Me-Time für dich ist – deine eigene Gesundheit und dein Wohlbefinden sind genauso wichtig und müssen für dich und bei dir an erster Stelle stehen.
Die Balance finden: Unterstützung schenken ohne Druck oder Kontrolle
Der Grat zwischen Unterstützung, Druck oder Kontrolle ist extrem schmal. Als Angehörige*r möchtest du helfen, da sein, nicht mehr zusehen wie die Person leidet etc. Oft wird aus gut gemeinter Hilfe unbemerkt Kontrolle. Die betroffene Person fühlt sich dadurch noch mehr unter Druck gesetzt, fühlt sich noch schlechter, unfähiger – was wiederum den Teufelskreis in der Essstörung verstärken kann. Stattdessen ist es wichtig, einfühlsam zuzuhören, ohne zu bewerten, da zu sein und die betroffene Person zu ermutigen, ihre eigenen Schritte zu gehen.
Fazit: Deine eigene Freiheit ist der erste wichtige Schritt zur Unterstützung als Angehörige*r
Die Heilung beginnt nicht nur bei der betroffenen Person, sondern auch bei dir als Angehörige*r. Indem du dich aus der meist unbewussten Co-Abhängigkeit befreist, schaffst du Raum für echte Veränderung. Es ist ein Prozess, der Zeit, Geduld und Selbstmitgefühl erfordert, aber er ist möglich – für euch beide.
Buche dir jetzt ein Ticket zum nächsten Call für Angehörige, wo du viel Hintergrundwissen lernst und ich dir aufzeige, wie du die betroffene Person auf ihrem Weg unterstützen kannst.
Ich hoffe, ich konnte dir mit diesen Informationen etwas weiterhelfen und freue mich, dich im nächsten Call für Angehörige persönlich zu begrüßen.


